Wien # Vor rund zwei Jahren trat Dagur Sigurdsson das Amt des österreichischen Handball-Teamchefs an. Seine Mission war eindeutig: Die ÖHB-Sieben auf europäischer Ebene konkurrenzfähig machen und bei der Heim-EM die Hauptrunde erreichen. Böse Zungen sprachen von Wunschdenken. Der Abstand zu den Top-Teams sei zu groß, hieß es. Dem Mann aus Reykjavik waren die Unkenrufe egal. Er krallte sich eine Handvoll Spieler und beschritt eisern seinen Weg. Sigurdsson sollte es allen zeigen.
Mission erfüllt - Gegenwart: Nach dem Aufstieg in die Hauptrunde fixiert Österreich mit einem 31:30 über die frühere Handball-Großmacht Russland den 9. EM-Platz.
"Es ist alles aufgegangen", jubelt Sigurdsson nach erfüllter Mission bei
LAOLA1.
Im großen
Exklusiv-Interview spricht der 36-Jährige unter anderem über seinen Ausraster gegen Kroatien, die isländischen Tugenden der Österreicher und wie lange er noch Teamchef ist.
LAOLA1: Dagur, Gratulation zu dieser tollen Europameisterschaft! Wie schmeckt das erste Bier danach?
Sigurdsson: Es schmeckt sehr gut (
grinst). Auch verdient. Es war ein harter Job. Seit dem Jahreswechsel haben wir eigentlich durchgearbeitet. Die Spiele selbst sind nicht so schwer, aber dazwischen ist viel Arbeit. Da haben wir viele gute Entscheidungen getroffen. Mein Team um mich herum war toll. Eigentlich habe ich einen Luxusjob: Ich brauche mich um gar nichts zu kümmern, außer um diese 16 Jungs.
LAOLA1: Der Druck auf dich als sportlichen Verantwortlichen war sehr groß. Wie hast du die letzten zwei Wochen geschlafen?
Sigurdsson: Ich schlafe immer gut, egal ob ich gewinne oder verliere. Ich bin schon seit 20 Jahren Handballer, da mache ich mich nicht mehr kaputt, wenn es nicht läuft. Da kann ich trotzdem ruhig schlafen.
LAOLA1: Zwischen deinem Amtsantritt und der erfolgreichen EM liegen rund zwei Jahre, in denen das Team sowohl Fortschritte machte, als auch Rückschläge hinnehmen musste. Hat es Momente gegeben, in denen du insgeheim Zweifel hattest?
Sigurdsson: Nein, aber das ist eine gute Frage. Obwohl wir ab und zu so hoch verloren haben, habe ich immer versucht, nur die Ursachen dafür zu sehen und habe gewusst, dass wir es bis zur EM schaffen würden. Aber so etwas weiß man nicht zu einhundert Prozent, das kann auch schief gehen. Und eigentlich habe ich erwartet, dass wir hier zumindest eine deutliche Niederlage hinnehmen müssen. Das wäre normal bei sechs Spielen. Dass wir so konstant sind, habe ich nicht erwartet. Ein Kompliment deshalb an die Mannschaft! Wir haben eine stabile Abwehr aufgebaut, haben verlässliche Tormänner, unsere Gegenstöße waren stark und unser Angriffsspiel war insgesamt passabel. Dadurch waren wir sehr schwer zu schlagen. Durch die Zuschauer und die Euphorie haben wir dann die Möglichkeit auf Siege bekommen. Es ist alles aufgegangen.
LAOLA1: Gibt es einen Spieler, der dich positiv überrascht hat, dem du eine derartige Leistung nicht zugetraut hättest?
Sigurdsson: Es gab sehr viele Spieler, die eine unglaubliche Leistung gebracht haben. Von daher wäre es unfair, einen rauszunehmen. Im Endeffekt hat es die Mannschaft vollbracht und natürlich kamen immer wieder Glanzmomente von Einzelnen hinzu.
LAOLA1: Österreich ist unter die besten Zehn Europas vorgestoßen. Wird man diesen Platz behaupten können?
Sigurdsson: Meiner Meinung nach auf jeden Fall. Man muss versuchen, die Truppe zusammenzuhalten. Die müssen natürlich auch wollen. Allerdings wird nach so einem Turnier und der ganzen Euphorie ein kleines Loch kommen. Aber ich glaube, sie haben auch gespürt, dass sie keine Angst haben müssen, sich nicht vor irgendjemanden verstecken brauchen. Wir haben auch junge Spieler im erweiterten Kader, die von hinten nachrücken. Man muss einfach den Kern zusammenhalten, dann ist da sogar noch mehr drinnen.
Quelle: laola1.at